Mein Freund schlief – da nahm ich einen anderen Mann!

Gleich vorweg: ich heiße Giovanni und bin ein Frauenversteher…

In meinem jungen Leben musste ich oft feststellen, dass viele Menschen deutscher Muttersprache Probleme damit hatten, meinen klingenden Namen italienischer Herkunft auszusprechen…

In meiner Fantasie mögen mich diese Menschen, die meinen Namen nicht aussprechen können.

In meiner Heimat Italien gibt es Tausende Giovannis. Große Giovannis, kleine Giovannis, dicke Giovannis, dünne Giovannis – Giovannis immer und überall…

…aber nur wenige sind Frauenversteher.

Giovanni: Claudia, du bist heute mein erstes Opfer, seitdem ich wieder aus Süditalien zurück bin. Kannst du dich bitte kurz vorstellen?
Claudia: Also ich bin die Claudia, bin 28 Jahre alt und gehe in Wien – noch - auf den Strich.
Giovanni: Du kommst aber sehr schnell zur Sache. Erzähl mal, wie alles angefangen hat, wie bist du zu diesem Job gekommen?
Claudia: Ich bin bis 16 in die Schule gegangen und dann gleich schwanger geworden. Der Erzeuger meines Kindes hat sich sehr schnell aus dem Staub gemacht und deshalb bin ich mit dem Kind alleine dagestanden.
Giovanni: Du nennst den Kindesvater „Erzeuger“. Das lässt darauf schließen, dass du keinen sonderlich großen Wert auf den Begriff „Vater“ legst?
Claudia: Ich muss gestehen, dass ich den Erzeuger, oder Kindesvater, nicht mal genau kenne. Meine Freunde und ich waren damals bei einem Fest im Prater, wir waren Autodrom fahren, in Spielhallen, haben viel getrunken und sind dann in die Hauptallee gegangen.
Giovanni: Wo es dunkel war…?
Claudia: Es war schon Mitternacht und stockfinster.
Giovanni: Erzähl mal…
Claudia: Ich war eigentlich auf meinen Freund Harry scharf – aber der hatte so viel getrunken, dass er eingeschlafen ist. Dann hab ich mit dem Klaus – es waren ja mehrere Bekannte dabei -  gesprochen, wir haben uns gut unterhalten, geblödelt, die Stimmung ist immer lockerer geworden und die Leute sind reihenweise verschwunden. Harry hat dann gesagt, dass er mich sexy findet und dann haben wir uns auch verzogen.
Giovanni: Dein Freund hat dort gepennt und du hast dich mit Klaus verzogen?
Claudia: Ja.
Giovanni: Was ist dann passiert?
Claudia: Klaus und ich haben Sex gehabt und sind nachher eingepennt. Gegen halb 6 Uhr Früh hat uns jemand aus der Clique aufgeweckt und ich bin mit meinem Freund nach Hause gefahren.
Giovanni: Da hast du wohl noch nicht geahnt, dass du schwanger sein könntest?
Claudia: Natürlich nicht. Wir waren alle so betrunken, dass ich mich nicht mal mehr an Einzelheiten erinnern konnte.
Giovanni: Wie ist es dann weitergegangen?
Claudia: Genau so, wie man es sich nicht wünscht: Periode ausgeblieben, zum Frauenarzt gegangen, Schwangerschaft festgestellt.
Giovanni: Wie hat dein Freund Harry reagiert?
Claudia: Harry war total sauer, weil er immer geglaubt hat, dass ich die Pille nehme…
Giovanni: …die du nicht genommen hast?
Claudia: Ich hab sie schon genommen, aber ich hab auch oft darauf vergessen. Jedenfalls hat mir Harry gleich nach dem Frauenarzt gesagt, dass ich abtreiben muss, weil er mich sonst sitzen lässt.
Giovanni: Du hast aber nicht abgetrieben.
Claudia: Nein, denn ich hätte das nie über das Herz gebracht.
Giovanni: Wie hat Harry nun tatsächlich reagiert?
Claudia: Er hat mit mir Schluss gemacht.
Giovanni: Wusste er zu diesem Zeitpunkt, dass er gar nicht der Vater gewesen wäre?
Claudia: Zu diesem Zeitpunkt habe ich es nicht mal selbst gewusst.
Giovanni: Wie bist du dann drauf gekommen?
Claudia: Klaus hat rote Haare und viele Sommersprossen. Mein Kind hatte dann ebenso rote Haare und Sommersprossen. Dann war alles klar.
Giovanni: Hast du Harry auch mit anderen Männern betrogen?
Claudia: Harry war mein erster Mann und Klaus war mein zweiter Mann – deshalb wäre es unmöglich, dass noch eine dritte Person als Vater infrage kommt.
Giovanni: Das Kind war also da – damals musst du 17 Jahre alt gewesen sein. Was ist dann passiert?
Claudia: Ich habe mit dem Kind bei meiner Mutter gewohnt. Es war wenig Platz in unserer Wohnung und wir sind uns gegenseitig auf die Nerven gegangen. Meine Mutter hat sich in dieser Zeit sehr verändert und als ich 18 war, hat sie mich zum ersten Mal in meinem Leben richtig verdroschen. Irgendwann ist dann auch noch ein Mann aufgetaucht, ihr neuer Freund, der war sowieso extrem arg.
Giovanni: Inwiefern?
Claudia: Dieser Typ war tagsüber ganz nett und ein ruhiger Typ, aber wenn er abends ausgegangen ist, gesoffen hat, ist er aggressiv geworden, dabei hat er am Tag kein Wort herausgebracht und in der Nacht, wenn er stockbesoffen war, hat er randaliert und meine Mutter und mich geschlagen.
Giovanni: Das hat sich deine Mutter gefallen lassen?
Claudia: Meine Mutter war ihm hörig. Das war ja das große Problem. Meine Mutter hat blaue Flecken gehabt und geweint und dennoch ist sie bei ihm geblieben.
Giovanni: Wie lange ist das so gegangen?
Claudia: Eines Tages bin ich nach Hause gekommen und meine Mutter hat mir gesagt, dass ich ausziehen muss. Das hatte er verlangt. Ich hab dann 14 Tage Zeit gehabt, um meine Sachen zu packen und mit meinem zweijährigen Sohn auszuziehen.
Giovanni: Wo bist du hingegangen?
Claudia: Die ersten Tage war ich im Frauenhaus, dann bin ich zu einer Freundin gezogen, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hatte.
Giovanni: Dort konntest du bleiben?
Claudia: Dort bin ich dann fünf Jahre geblieben…
Giovanni: …und mit Prostitution in Verbindung gekommen?
Claudia: So ist es.
Giovanni: Erzähl mal!
Claudia: Diese Freundin hat im Prater gearbeitet und ist immer mit serbischen und türkischen Freunden herumgezogen. Ich habe mich oft gewundert, woher sie so viel Geld hat und dann hat sie mir gestanden, dass sie hin und wieder auf den Strich geht.
Giovanni: Wobei man auf dem Strich im Prater wohl nicht besonders viel verdient?
Claudia: Sie hat ja auch noch bei einem Stand gearbeitet. Ich hab das Kind gehabt, kein Geld – ohne meine Freundin wäre ich damals in der Gosse gelandet.
Giovanni: Du bist dann auch auf dem Strich gegangen. Wie hast du dich gefühlt?
Claudia: Das war am Anfang unerträglich schwer. Die vielen Männer, Sex im Auto, es war noch dazu die kalte Jahreszeit, Nebel, Schnee. Im Prater war fast alles zu, nur die Spielhallen und einige Lokale waren offen. Manchmal haben mich die Männer wie das letzte Stück Dreck behandelt.
Giovanni: Wie viel verdient man als Prostituierte im Prater?
Claudia: Eigentlich viel zu wenig, aber genug, um sein Kind und sich selbst ernähren zu können.
Giovanni: Einen „normalen Job“ wolltest du nicht machen?
Claudia: Ich wollte immer Friseurin werden, aber wer nimmt eine 18- oder 19jährige mit schlechtem Hauptschulabschluss und Kind? Außerdem war es wichtig, schnelles Geld zu verdienen. Ich hätte nicht darauf warten können, bis ich am Monatsende ein paar Hundert Euro auf dem Konto habe. Ich hatte nicht mal ein Konto. Ich habe nichts gehabt. Gar nichts.
Giovanni: Du bist heute 28 Jahre alt – das bedeutet, du bist 10 Jahre auf den Strich gegangen?
Claudia: Ja.
Giovanni: Du arbeitest in einem harten Gewerbe, hast eine harte Geschichte erlebt, dennoch wirkst du auf mich gefasst, gelassen, ruhig – fast ausgeglichen. Wie machst du das?
Claudia: Ich habe mein Geld zwar auf dem Strich verdient, aber ich bin nie so dumm gewesen, auf die wichtigen Dinge im Leben zu vergessen.
Giovanni: Diese Dinge sind…?
Claudia: Erstens habe ich immer einen Gummi dabei gehabt. Ich hätte zwar viel mehr verdienen können, wenn ich es ohne Gummi gemacht hätte, aber vor 10 Jahren haben noch alle von HIV und AIDS gesprochen. Zweitens habe ich mein Geld, so wie es gekommen ist, in erster Linie in mein Kind investiert, dann für mich gebraucht und den Rest gespart. Es ist mir nie viel geblieben, aber beispielsweise meine Freundin hat 50 Euro eingenommen und sofort wieder 50 Euro für Klamotten und so Sachen ausgegeben – das habe ich nie gemacht. Und drittens war und ist mir mein Kind sehr wichtig.
Giovanni: Weiß dein Kind, wie seine Mutter ihr Geld verdient?
Claudia: Mein Sohn weiß natürlich nichts davon – er wäre auch noch zu jung dafür.
Giovanni: Wie erklärst du deinem Sohn, dass du abends so oft weg bist?
Claudia: Ich habe vor eineinhalb Jahren einen Mann kennen gelernt, der mich so liebt, wie ich bin. Er ist zwar kein junger Mann, vielleicht wirkt er auch nicht besonders intelligent auf andere Menschen, aber er ist ein herzensguter Mensch. Er hat meinen Kleinen sofort ins Herz geschlossen. Mein Freund ist jeden Abend bei meinem Sohn und gemeinsam verdienen wir das Geld, das wir zum Leben brauchen. 
Giovanni: Dein Freund hat nichts dagegen, dass du dein Geld mit Sex verdienst?
Claudia: Als ich meinen Freund kennen gelernt habe – übrigens auf dem Strich, denn er war ein Kunde von mir – habe ich ihm offen und ehrlich alles erzählt. Jedes Detail. Ich habe meinem Freund gesagt, dass zwischen uns nur dann etwas wachsen kann, wenn er mich so nimmt, wie ich bin.
Giovanni: Das hat er dann akzeptiert?
Claudia: Er hat gesagt, dass es für ihn keinesfalls leicht ist und ich musste ihm versprechen, dass es für diesen Job ein Ablaufdatum gibt. Ich konnte mich sehr lange nicht auf ein Ende festlegen, aber nun steht das Ende schon zwangsläufig bevor.
Giovanni: Inwiefern?
Claudia: Seine Eltern haben eine kleinen Laden und gehen im Herbst 2017 in Pension. Sie wollen, dass mein Freund und ich den Laden übernehmen. Somit hätte ich dann auch meinen ersten richtigen Job in meinem Leben…
Giovanni: Wenn du jetzt schon weißt, dass du in wenigen Monaten in einem Laden arbeiten wirst, warum gibst du nicht schon jetzt deinen Job auf dem Strich auf?
Claudia: Weil ich mein Geld selbst verdienen möchte - und dadurch unabhängig sein kann.