Mein Freund ist 29 Jahre jünger als ich!
Als ich in den 1970er Jahren geboren wurde, war Italien ein politisch hoch brisantes Land - doch dann wurde Giovanni geboren: ein Frauenversteher.
Auch Österreich ist derzeit ein politisch hoch brisantes Land, denn die Wahlen stehen bevor.
Im September – wo auch die Wahlen stattfinden werden – ist Wien eine besonders schöne Stadt. Nämlich dann, wenn alle Menschen noch schnell ihre Häuser und Wohnungen verlassen, um die letzten warmen Sonnenstrahlen zu genießen, um ein Eis zu essen oder in einem der vielen Gastgärten Kaffee oder ein Glas Rotwein zu trinken.
Anna ist Kellnerin in einem Café in der Wiener Innenstadt. Als ein „schon etwas älteres Semester“ (wie sie selbst sagt) passt sie zu der noblen, vornehmen Einrichtung des Lokals. Mit ihrem Charme bezirzt sie ihre Gäste aus dem In- und Ausland…
Giovanni: Anna, du bist ein „schon etwas älteres Semester“. Nachdem ich schon viele Jahre bei dir zu Gast bin, dich schon ein wenig kenne, aber nicht wusste, wie alt du wirklich bist, hätte ich dich auf knapp über 40 geschätzt.
Anna: Vielen Dank für das Kompliment, aber da irrst du dich. Ich werde in zwei Jahren 60 Jahre alt.
Giovanni: Für 58 Jahre (Anm. Giovanni hatte in Mathematik eine „Eins“) siehst du aber wirklich unglaublich toll aus.
Anna: Danke für das Kompliment, aber weißt du: man sagt ja oft, dass ein Auto für sein Alter noch gut erhalten ist. Das sagt zwar aus, dass es möglicherweise noch keine Dellen oder keinen Rost hat – aber „alt“ bleibt es ja trotzdem.
Giovanni: Aber „Alter“ ist doch relativ?
Anna: Natürlich ist das Alter eher relativ. Aber wenn mir jemand sagt, dass ich „für mein Alter“ noch gut aussehe, kann ich zwischen den Zeilen lesen, dass ich eine alte Schachtel bin.
Giovanni: Interpretierst du das nicht nur so?
Anna: Nein, ganz sicher nicht. Denn eine Aussage wie „ich hätte sie nie auf 58 geschätzt, für ihr Alter sind sie noch sehr gut erhalten“ heißt doch zugleich, dass ich für 58 noch halbwegs Lack habe, aber für 45 ganz schön alt aussehen würde.
Giovanni: Ich verstehe was du meinst, aber ich kann deine Meinung in keiner Weise teilen. Du hast eine tolle Figur, hochgestecktes Haar, bist immer nett und adrett angezogen…
Anna: Das Wort „adrett“ ist schachtelhaft belastet. Denn man würde nie zu einem jungen, schönen Mädchen sagen, dass sie „adrett“ ist. Die ist dann „geil“ oder „hypergeil“ – aber nicht adrett. Das Adjektiv „adrett“ hängt man nur einer alten Schachtel um.
Giovanni: Wenn ich nicht schon wüsste, was du uns gleich erzählen wirst, dann würde ich nun sagen, dass du ein Problem mit deinem Alter hast?
Anna: War das nun eine Feststellung, oder eine Frage?
Giovanni: Im Blog-Forum wird dieser Satz mit einem Fragezeichen am Ende stehen – also eine Frage.
Anna: Nun ja, habe ich ein Problem mit dem Alter? Ich will es so sagen: schon auf Grund meiner Umstände wäre ich gerne nochmals jung.
Giovanni: Erzähl mal von den Umständen, denn die sind ja ganz besonders pikant.
Anna: Mein Freund ist ein junger Hüpfer - wollen wir es mal so ausdrücken.
Giovanni: Wie alt ist dein Freund?
Anna: Mein Freund ist ganze 29 Jahre jünger.
Giovanni: Also halb so alt…
Anna: Ja.
Giovanni: Ist das nun gut oder schlecht?
Anna (lacht): Na ja, wie man es eben sehen möchte. Viele Menschen werden jetzt aufschreien und sagen: „Die Alte ist wirklich cool.“ Andere Menschen würden sagen: „Was will denn die Alte mit einem Typen, der ihr Sohn sein könnte?“ Im Normalfall hat so eine Konstellation in der Gesellschaft mehr Nachteile als Vorteile.
Giovanni: Inwiefern?
Anna: Weil es manchmal zu wirklich peinlichen Situationen kommen kann.
Giovanni: Zu welchen?
Anna: Als ich mit meinem Freund beim Juwelier war, um mit ihm eine Uhr zu kaufen, konnte er sich nicht entscheiden. Also habe ich ihm geholfen. Die Verkäuferin wollte mich unterstützen und meinte: „Stimmt, da hat die Mama recht.“ So etwas ist dann natürlich nicht angenehm, aber man gewöhnt sich dran.
Giovanni: Hattest du die Verkäuferin über die tatsächliche Situation aufgeklärt?
Anna: Aber geh – nein. Das tu ich mir doch nicht an. Denn sobald wir an der Kassa waren und gegangen sind, geht doch diese Situation als Witz durch die Runde. Die Verkäuferin geht dann zu ihren Kollegen und erzählt den Fauxpas, aber am Ende wird ja sowieso nur gegrinst - und das möchte ich mir ersparen.
Giovanni: Du hast deinen Freund in einem Konzert kennen gelernt?
Anna: Im Musikvereinssaal. Wir haben beide ein Abo und haben eigentlich schon ab dem ersten Kontakt eine gemeinsame Ebene gehabt. Von da an sind wir immer gemeinsam in die Konzerte gegangen.
Giovanni: Auf welcher Ebene findet man sich, wenn ein etwas größerer Altersunterschied besteht.
Anna: Ich kann es nicht genau sagen. Mein Freund ist zwar erst 29, aber er wirkt viel älter. Er sieht zwar optisch nicht älter aus, aber durch seine Interessen – er liest Unmengen an Büchern, hört nur klassische Musik, zieht nachts nicht um die Häuser, sondern geht viel lieber abends mit mir einen Cocktail trinken – wirkt er doch schon etwas reifer, fast gesetzt. Andererseits wird mir oft nachgesagt, dass ich sehr lebendig bin. Also ein Mensch mit viel Energie. Vom Wesen her könnte man ihn auf 35 bis 40 schätzen und ich werde eben – wie du das getan hast – auf 40 bis 45 geschätzt. Also vom Wesen sind wir weniger weit auseinander, als beispielsweise optisch oder in Zahlen auf der Geburtsurkunde.
Giovanni: Du nennst ihn „mein Freund“, nicht „mein Lebensgefährte“.
Anna: Für mich ist das Wort „Lebensgefährte“ ein unheimlich altmodischer Ausdruck. Für mich gibt es nur „mein Freund“ oder „mein Mann.“
Giovanni: „Mein Mann“ – würdest du ihn heiraten wollen?
Anna: Nein! Das will ich ihm nicht antun. Ich bin ja doch schon doppelt so alt und es wäre schlimm, wenn irgendjemand sagen würde, dass wir „gemeinsam alt“ werden sollten. Denn ich bin ja schon alt. Wenn er 40 ist, also im besten Mannesalter, dann bin ich knapp 70. Wenn er 50 ist, was für einen Mann noch immer kein Alter ist, bin ich knapp 80. Was soll er dann mit mir anfangen? Ich sollte ja nicht sein Pflegefall werden.
Giovanni: Dann hat eure Beziehung ein Ablaufdatum?
Anna: Jede Beziehung hat ein Ablaufdatum – spätestens mit dem Tod. Aber es stimmt, dass unsere Beziehung sicher ein klareres Ablaufdatum hat, als vielleicht eine Beziehung, wo über das gemeinsame Heiraten nachgedacht wird.
Giovanni: Macht dich das traurig?
Anna: Traurig macht es mich nicht, weil ich gerne lebe und mit allem zufrieden bin. Mir ist aber klar, dass ich einen jungen Mann als Partner habe und sich dieser junge Mann nicht ewig für mich interessieren wird. Das meine ich jetzt aber gar nicht so pathetisch, wie es klingt. Ich genieße diese Zeit einfach in vollen Zügen, weiß aber im Hinterkopf, dass es auch mal vorbei sein kann und wird.
Giovanni: Deine Worte klingen nach Worten einer Dame, welche glücklich und zufrieden ist. Zugleich assoziieren sich diese Worte selbst mit ein wenig Traurigkeit.
Anna: Jede Trennung ist eine traurige Geschichte. Egal, ob es mich, oder eine andere Person betrifft. Es trennen sich auch jüngere Frauen von älteren Männern.
Giovanni: Spürst du dieses Klischee, welches besagt, dass ein älterer Mann mit einer jüngeren Freundin ein Held ist, während eine ältere Frau mit einem jungen Partner eher belächelt wird?
Anna: Natürlich spürt man das – und deshalb ist das nicht nur ein Klischee. Auch wenn du mir Komplimente machst, aber wenn mein Freund und ich – beispielsweise Händchen haltend – auf der Straße gehen, dann spürt man schon die Blicke. Manche Personen drehen sich auch um. So etwas kann dann schon sehr belastend sein.
Giovanni: Geht man deshalb weniger oft Händchen haltend?
Anna: Man versucht wenig bis gar nicht zu provozieren.
Giovanni: Aber du bist doch eine selbstbewusste Frau. Warum oder weshalb passt ihr euch diesen Idioten an?
Anna: Ich mache das ihm zuliebe. Ich will nicht, dass auch er belächelt wird. Mir ist es egal, denn ich bin alt, ich habe mein Leben gelebt, ich muss niemandem mehr etwas beweisen, aber er ist jung, er ist noch nicht so charakterfest, so stabil…
Giovanni: Es kommt noch pikanterweise dazu, dass deine eigene Tochter – aus erster Ehe – und dein eigener Sohn – aus zweiter Ehe – in etwa gleichaltrig, wie dein Freund sind?
Anna: Mein Sohn ist 26 und schwul. Er findet meinen Freund übrigens „sehr geil“. Wir haben darüber schon oft gelacht. Meine Tochter ist 34 und versteht es nicht, wie ich mit einem so jungen Kerl zusammen sein kann. Sie schämt sich für mich. Leider leidet unsere Beziehung gewaltig darunter.
Giovanni: Die Beziehung zwischen deinem Freund und dir, oder die Beziehung zwischen deiner Tochter und dir?
Anna: Eher die Beziehung zwischen meiner Tochter und mir. Sie hat auf meine Nachricht über meinen Freund genau so reagiert, wie es eine prüde Mutter tun würde, wenn sie erfährt, dass ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist.
Giovanni: Warum tut sie das?
Anna: Ich weiß es nicht - andererseits kann ich es aber verstehen. Es ist halt auch nicht leicht für sie, wenn sie erzählen muss, dass der Freund ihrer Mutter um fünf Jahre jünger ist, als sie selbst. Wäre ich nicht selbst in dieser Situation, würde ich bei einer solchen Geschichte wohl auch die Augen verdrehen.
Giovanni: Dein schwuler Sohn mag deinen Freund?
Anna: Ja. Eindeutig. Die verstehen sich prima.
Giovanni: Kein Vorwurf wegen dem großen Altersunterschied?
Anna: Mein Sohn ist kein Kind von Traurigkeit. Sein vorletzter Partner war 44, da war mein Sohn 21. Sein jetziger Partner ist 19, mein Sohn 26. Er hat zu solchen Dingen einen ganz anderen Zugang. Er ist viel offener, als meine Tochter. Das soll aber nichts heißen – denn ich liebe beide!
Giovanni: Spielt Sex in deiner Beziehung eine große Rolle?
Anna: Sex spielt bei uns eine sehr große Rolle. Für mich ist diese Situation fast ungewöhnlich. Zugleich ist mir aber bewusst, dass ich einen Partner habe, der sehr viel jünger ist. Hier muss man also damit rechnen, dass man sehr gefordert wird. Mir macht Sex noch immer großen Spaß – wenngleich ich nicht mehr so den Drang habe, wie ihn etwa mein Freund hat. Aber er ist eben noch jung. Deshalb muss ich mich anstrengen, um ihm das bieten zu können, was er braucht.
Giovanni: Wenn er von dir zu wenig Sex kriegen würde, hättest du Angst, dass du ihn verlieren könntest?
Anna: Wie schon vorhin erwähnt ist mir klar, dass unsere Beziehung ein Ablaufdatum hat. Ich kann nur alles geben, was ich bin und was ich habe. Wenn das am Ende zu wenig sein sollte, muss ich ihn sowieso gehen lassen…